Back to Nature, CZ, 2015

(c) Gabriel GruberWorkcamp – „Back to nature“
23.8. – 11.9.2015, Tschechische Republik

Von draußen ertönt ein lautes Horn, das von einem „Breakfast now!“ aus der Richtung des Lagerfeuers begleitet wird und mich aus einem fantastischen Schlaf auf meinem simplen Heumatratzen-Bett in einem Tipi weckt. Die Nacht war relativ warm, verglichen mit den rekordverdächtigen 1°C eine Nacht zuvor. Das Lagerfeuer in der Mitte des Zeltes raucht nur noch ganz leicht vor sich hin. Innerhalb der nächsten Minuten schlüpfe ich aus meinem (zum Glück) sehr warmen Schlafsack, erzähle lachend einem meiner fünf Tipi-Kollegen von der ein oder anderen Maus, die ich in der Nacht bei meinen Taschentuchpackungen (deren Leibspeise!) rascheln hörte und dann bin ich schon rasch am Weg zur Feuerstelle. Rasch nicht, wegen eines militärischen Drills, sondern rasch, weil ich mir schnell mein erstes Brot zum Toasten über dem Feuer sichern will.

Ein guter Start in den Tag. Einer von insgesamt zwanzig prägenden Tagen in einer anderen Welt im Rhythmus der Natur.

(c) Malte Seibold
(c) Malte Seibold

Das Zuhause für mich, 12 andere Freiwillige aus aller Welt, zwei Campkoordinatori*innen und den Besitzer des Camps für diese Zeit ist ein Camp im Oberpfälzer Wald in Tschechien, das schon seit etwa 30 Jahren existiert. Nicht einmal 500 Meter der deutschen Grenze entfernt liegt es dennoch sehr isoliert im Wald. Empfang fürs Handy gibt es im Normalfall nicht und Strom gibt es nur bedingt, und zwar von einer zeitweise nicht funktionierenden Solarzelle. Unsere Dusche, Waschbecken und Swimming Pool ist ein kalter Bach, der direkt neben dem Camp verläuft.

Arbeit gibt es an den meisten Tagen genug: die Hauptaufgabe der Teilnehmer*innen ist die Erhaltung des Lebensraumes einer geschützten Orchidee der Gattung der Knabenkräuter, die nur gedeihen kann, wenn die Rasen nicht zu hoch wachsen. Somit wanderte ein Großteil der Gruppe jeden Tag zu der betreffenden Stelle und senste einen Hektar Rasen bei fast jedem Wetter. Ein anderer Teil war mit Instandhaltungsarbeiten des Camps beschäftigt, wie Brennholz sägen und hacken und Arbeit im Gemüsegarten. Das jeden Tag neu zusammengestellte „Cooking Team“ kochte für den Rest. Und dass die geheime Zutat „Über-dem-Feuer-kochen“ für die grandiosesten Speisen verantwortlich ist, bemerkte man hier sehr schnell!

(c) Malte Seibold
(c) Malte Seibold

Man solle keine Angst haben vor der Arbeit und dem Leben unter härteren Bedingungen in engem Kontakt mit der Natur, hieß es in der Workcamp-Beschreibung. Eine angebrachte Warnung, aber wovor ich vor dem Camp am meisten Bedenken hatte, war das Leben mit 15 Personen in relativ engem Kontakt über drei Wochen. „Es reicht ja, wenn ich mich mit ein paar Personen gut verstehe“, hatte ich mir am Anfang gedacht, aber was mich wirklich überraschte und zutiefst beeindruckte, war, dass sich innerhalb dieser Zeit eine unheimlich enge Bindung zwischen allen im Camp einstellte. Und das, obwohl es sich um überaus unterschiedliche Persönlichkeiten handelte. Das Resultat war eine ungeheure Harmonie und Vertrautheit in der Gruppe, die ich im „normalen“ städtischen Leben selten gesehen habe.

Nach den drei Wochen (was sich als perfekte Dauer herausstellte) hieß das nicht unbedingt leichtere Projekt für die Camp-Teilnehmer*innen wohl „Back to civilization“ – also wieder zurück zu Internet, zu Gebäudeheizungen, elektrischem Licht, einer warmen Dusche. Zurück zur Zivilisation – aber so viel wie möglich aus der Natur mitnehmen!

Neben dem Nutzen der Naturpflege, stellt dieses Workcamp meiner Meinung nach hauptsächlich eine einzigartige Chance zur Persönlichkeitsbildung dar. Während meinen drei Wochen dort habe ich mir mehrmals gedacht, wie großartig es wäre, wenn jeder Mensch zumindest einmal diese Verbundenheit zur Natur und dieses enge Zusammenleben mit Personen aus aller Welt erleben könnte. Ich bin davon überzeugt, dass das unweigerlich auf der Ebene des Umweltschutzes eine nachhaltigere, und auf der sozialen Ebene eine respektvollere Gesellschaft zur Folge hätte.

Gabriel Gruber