Flüchtlingsheim in Griechenland

von Jenny Lavrio, August 2007

Nachdem ich im Wiener Integrationshaus den Buddy-Kurs besucht habe und seit einigen Monaten die Kinderschwimmgruppe der Asylwerber*innen begleite interessiere ich mich auch auf der Uni immer mehr für das Thema Migration. Der SCI bietet hier unglaublich viele Workcamps im Bereich Flüchtlinge und Asylwerber*innen und so fällt dieses Jahr meine Wahl auf ein Flüchtlingsheim an der Küste von Lavrio, geführt vom griechischen roten Kreuz.

Neben einem Flüchtlingsheim nur für Menschen aus Afghanistan, gibt es auch noch, eines nur für Kurd*innen. Bis auf eine Familie kommen alle aus der Türkei. Zum ersten Mal ist die Arbeit hier keine wirklich manuelle Arbeit, sondern wir sind dazu aufgefordert uns Spiele für die Kinder auszudenken. Nachdem hier sowohl Mädchen als auch Jungen zwischen drei und 15 Jahren leben ist es schwierig etwas zu finden, dass allen gefällt. Nach ein paar Tagen, in denen Fußball, Volleyball oder auch Fangen spielen nicht gerade große Erfolge eingebracht haben, beginnen wir uns im Klassenzimmer mit den Kindern zu beschäftigen. Das funktioniert viel besser! Zeichnen, basteln (einige haben hierfür zum Glück Perlen oder ähnliches mitgebracht, nachdem kaum etwas vorhanden war) – aber der absolute Hit ist BINGO spielen. Die Kinder steigern sich regelrecht in das Spiel hinein (ob das an den Süßigkeiten als Belohnung für Bingo liegt) und der Lärmpegel schwillt immer sehr schnell an. Zum Glück haben wir einen jungen Mann Ende 20 der uns hilft. 2 unserer Teilnehmer sprechen zwar griechisch, der Rest (eine Portugiesin, ein Amerikaner, ein Kanadier, eine Deutsche) versucht sich auf Englisch mit den Kindern zu verständigen. Aber Kurdisch kann niemand von uns. Aber wie schon in den Camps davor, findet man schnell einen Weg zu kommunizieren. Und mit den kleinen Kindern ist das sowieso nicht notwendig – wenn man mit ihnen Fangen spielt. Manchmal bin ich etwas deprimiert, weil ich nicht mit so einer Leichtigkeit mit den Kindern spielen kann wie andere – ich habe nämlich überhaupt keine Übung darin. Schnell gewöhne ich mich jedoch an die Arbeit mit den Kindern und es macht richtig Spaß! Außerdem dreht sich das Camp ja nicht nur um die Kinder!

Vor diesem Camp haben ich eher wenig über die Kurd*innen gewusst. Hier werde ich mit Informationen regelrecht überschüttet. Einige hier haben früher in der kurdischen Armee gekämpft, weswegen sie fliehen mussten. „Wie stehen Sie eigentlich dazu, dass die PKK von Europa als terroristisch eingestuft wird?“ Fragt der Kanadier bei einem großen Essen zu dem wir eingeladen wurden. Ich starre ihn an und warte nervös auf eine Reaktion auf diese heikle Frage. Aber niemand scheint beleidigt zu reagieren und wir führen viele Diskussionen.

Wenn ich auch nicht mit allem einverstanden bin, was ich hier zu hören bekomme so ist es doch alles sehr spannend. Aber nicht nur über die türkische Politik wird geredet. Auch über kurdische Traditionen. In der zweiten Woche werden wir zu einem großen Fest eingeladen, mit viel Essen, einer Band und Gruppentänzen. Wir waren so etwas wie die Ehrengäste und das Fest war einfach unglaublich!
Auch auf die Flüchtlingsthematik kommen wir natürlich zu sprechen. Es gibt hier viele Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede im Vergleich dazu, wie ich Integrationskonzepte in Wien kennen gelernt habe. So ist es für mich nicht verständlich, warum das griechische Rote Kreuz ein eigenes Flüchtlingscamp nur für Kurden errichtet hat. Natürlich gibt es in jedem Land Migrationsnetwerke, sodass sich auch in Wien viele Kurden zusammen schließen können. Aber gerade in Bezug auf den Spracherwerb ist es eher hinderlich, wenn man gängigen Integrationskonzepten folgen möchte. Dennoch gibt es natürlich auch hier Vorteile, denn die Menschen scheinen einen Teil ihres verlorenen Zuhause mitnehmen zu können.
Am Meisten erfahren wir bei dem oben erwähnten Kurden, der viel Zeit mit uns verbringt. Manchmal übernachtet er sogar bei uns (wir schlafen in einer Schule – knapp 15 Minuten zu Fuß vom Flüchtlingsheim entfernt). Er erzählt viel über Kurdistan, aber auch über seine Zeit als Soldat. Manchmal ist es kaum nachvollziehbar, dass jemand in meinem Alter (auch wenn er jetzt schon Ende 20 ist) solche Dinge erlebt hat, wie er sie uns beschreibt. Es sind richtige Kriegsgeschichten und manchmal wirklich nicht leicht zu hören.
Als das Camp vorbei ist, verstehen wir uns so gut, dass ein Teil unserer Gruppe beschließt noch eine Woche in Griechenland zu bleiben. Ich verschiebe extra meinen Flug und wir fahren mit der Fähre von einer kleinen Insel zu nächsten und schlafen mit unseren Schlafsäcken am Strand. Ich habe zuvor noch nie wirklich im Freien geschlafen und erst Recht nicht am Strand und auch nicht im August wo wir fast jeden Abend eine Sternschnuppe gesehen haben. Es war einfach ein tolles Camp! Mit den Volunteers habe ich mich so gut verstanden wie noch nie zuvor und ich bin froh in ein Flüchtlingscamp gefahren zu sein, weil mich die Erfahrungen hier noch mehr bestätigen, dass ich mich im Rahmen meines Studiums von nun an auf Migration spezialisieren möchte. Außerdem war ich überrascht davon, wie gut wir in die Gemeinschaft aufgenommen wurden (das Camp fand ja nicht zum ersten Mal statt, aber die Sozialarbeiterin meinte, dass es zuvor noch nie so gut gelungen ist).