Friedenswege „Paths of Peace“ in Kötschach-Mauthen

von Barbara Huppmann

Die Arbeit am Kleinen Pal ist seit über zwei Wochen beendet. Die Campteilnehmer sind alle nach Hause zurück gekehrt. Nach Russland, Polen und in die Tschechische Republik. Und ich sitze in Wien über den 400 Fotos, die ich nicht umhin konnte während der Arbeit zu schießen und muss mir eingestehen, dass ich das Workcamp richtiggehend vermisse.

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Ich vermisse es, all die tollen Leute um mich zu haben, die in vier verschiedenen Sprachen ununterbrochen durcheinander redeten und trotzdem jeden Tag gemeinsam an einem neuen Projekt arbeiteten. Sei es das Instand setzen einer alten Steinmauer, die nach hundert Jahren wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück versetzt wurde, das Anlegen eines neuen Weges für die Touristen, das Errichten von Bänken oder Schuppen, das Bergen von lang vergessenen Erinnerungsstücken… Ich vermisse das viele Lachen, die Workshops und die heißen Diskussionen, die ich mir mit den anderen Campteilnehmern lieferte. Das gemeinsame Schweigen angesichts von Dingen, die kaum mehr in Worte zu fassen sind. Ich vermisse die ausgedehnten und oft schweißtreibenden Wanderungen durch die karnischen Alpen. Und ich vermisse das überwältigende Gefühl, mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand den neuen Morgen zu begrüßen, und dabei auf das atemberaubendste Panoramazu blicken, das ich mir vorstellen kann. Schon als wir im Basislager angekommen sind war klar, dass uns zwei außergewöhnliche Wochen bevor standen. Die Dolomitenfreunde sind für viele Volontäre schon zu einer Art zweiten Familie geworden. Manche haben dort in früheren Jahren ihre jetzigen Ehepartner getroffen und kommen mit ihren Kindern in regelmäßigen Abständen auf Besuch um für einige Tage auszuhelfen und mit anzupacken.

Ich bin als Campleiterin des SCI mit einer Gruppe von fünf Mädchen dazu gestoßen. Barrieren gab es keine- es war klar, dass unsere Aufgabe darin bestand ebenjene einzureißen. Nachdem wir den mühsamen Anstieg über den Landsturmweg hinter uns gebracht hatten (600 Höhenmeter in ca. 1 Stunde!), bezogen wir Quartier in den zwei kleinen Hütten, die unser neues zu Hause werden sollten. Wie wohl wir uns dort bald fühlen sollten, wussten wir damals noch nicht. Wir hatten keine Ahnung, dass das Zusammen Sitzen im Kerzenlicht uns bald so lieb sein würde, dass niemand es mehr gegen Elektrizität eingetauscht hätte. Wir wussten auch nicht, wie viel Spaß es macht, sich die Haare in einem Kübel eiskalten Wassers zu waschen und dabei kopfüber dem Sonnenuntergang zuzusehen. Wir kannten noch nicht die Vorzüge einer gemeinsamen Schlafkoje auf dem Dachboden, die von der darunter liegenden Küche mit geheizt wird, und so manch einer vermisste später das malerische Ambiente unseres urigen Plumpsklos.

staatsgrenzeWenn ich zurück denke weiß ich nur noch, dass die erste Woche wie im Flug verging. Nachdem Martin, unser Bauleiter, uns herum geführt hatte, machten wir uns in Kleingruppen an die Erfüllung verschiedenster Aufgaben.

Es gab so viel zu tun, dass jeder sich etwas finden konnte, das ihn forderte aber nicht überanstrengte. Der eine schleppte lieber Steine oder legte neue Wege an, während andere die gelben Schilder auf ihre Vollständigkeit hin überprüften, Ausgrabungen vornahmen, den Rasen mähten oder Feuerholz hackten. Ein Dritter wieder entdeckte seine Leidenschaft fürs Drahtkorbflechten.

Während die Instandsetzung der alten Denkmäler und die Errichtung eines Freilichtmuseums 1915-1918 im Vordergrund unserer Arbeit standen, spielte das Zusammen Leben und Arbeiten an den ehemaligen Kriegsschauplätzen eine nicht weniger wichtige Rolle. Die Touristen die die „Via de la Pace“, die Friedenswege, entlang kamen, blieben nicht selten stehen um sich mit uns über unsere Arbeit zu unterhalten. Sie sahen die Freude, mit denen wir an die Arbeit gingen ohne je die Ernsthaftigkeit des Themas aus den Augen zu verlieren. „Wege, die einst Fronten trennten, sollen uns heute verbinden.“ Was sie sahen, war die österreichisch-italienische Grenze, die sich im Zickzack quer durch das ganze Lager zog. Was sie nicht sahen, aber vielleicht erahnten, war, dass wir abends alle gemeinsam um den Tisch saßen und uns gegenseitig einige Brocken der jeweils anderen Sprache beibrachten, dabei alle Nationalhymnen nacheinander durchsangen, die heimischen Tänze ausprobierten und uns von den Italienern mit Unmengen von  selbstgemachter Salami, hauseigenem Parmigiano und echten Cantuccini füttern ließen. Am Wochenende stiegen wir ins Basislager ab um in den Genuss von warmen Duschen zu kommen und uns mit unseren Kollegen auf der Hausalm auszutauschen. Diese hatten uns die ganze Woche über mit warmen Essen versorgt, das sie uns per Materialseilbahn auf den Kleinen Pal hochschickten. Sie verdienen unser besonderes Dankeschön! Nach einem Besuch im Schwimmbad und einem gemeinsamen Essen in Italien (nur 15 Minuten entfernt!) hieß es von einigen unserer Kollegen bereits Abschied nehmen. Die Volontäre des SCI sollten noch eine Woche bleiben während das übrige Team sich neu zusammen setzen würde. Es fiel uns nicht einfach. Aus Fremden waren Freunde geworden. So ist es jedes Mal und jedes Mal bin ich neu überrumpelt davon, wie eng man sich in nur einer Woche gegenseitig ans Herz wachsen kann.

4Die zweite Woche verging nicht viel langsamer als die erste. Nur, dass sich allmählich doch ein anderer Ton in die Arbeit einschlich. Das Thema Krieg wurde greifbarer. Am Wochenende hatten wir das Museum 1915-1918 in Kötschach-Mauthen besucht. Die Bilder und Erlebnisberichte verschafften uns noch direkteren Zugang zu der Zeitgeschichte, mit der wir uns Tag für Tag befassten. Die Mauern waren nicht länger kunstfertige Konstruktionen aus Stein sondern Stellungen hinter denen Menschen einmal gekämpft haben und gestorben sind. Viele der Volontäre verbrachten nun etwas mehr Zeit mit sich selbst und ihren Gedanken. Sie suchten die Diskussion und stellten von sich aus kritische Fragen, die wir in den abendlichen Workshops bearbeiteten. Ist Aggression ein Teil von mir? Ist sie das gleiche wie Gewalt? Wie trage ich in meinem Leben dazu bei Konflikt zu schüren…?

Wir besprachen Zitate berühmter Personen zum Thema Krieg, beschrieben Plakate über Plakate in stummen Diskussionen, spielten Konfliktsituationen in Form von Theaterstücken nach, befassten uns mit Psychologischen Theorien zur Kommunikation, wie dem Rosenberg-Modell, und versuchten uns mit allen möglichen Übungen und Anregungen in die Gruppendynamik zu vertiefen. Dennoch blieb der Hunger nach immer mehr Input und Auseinandersetzung mit dem Thema unstillbar. Ich war fasziniert, wie wissbegierig die Volontäre waren und wie wir vom Hundertsten ins Tausende kamen, sobald die Diskussion ihren Gang nahm. Hätten wir noch zwei Wochen Aufenthalt dran gehängt, dann wäre uns das Material für abendliche Gespräche trotzdem nicht ausgegangen. Aber die Kräfte neigten sich allmählich dem Ende zu. So schön es auch war, jeder spürte für sich, dass die zwei Wochen körperlicher Arbeit begannen, sich bemerkbar zu machen und man sehnte sich im Stillen nach wieder nach regelmäßigen, warmen Duschen, weichen Federbetten und nach ein paar geruhsamen Tagen des Nichtstuns.

Der Abschied kam dann doch überraschend schnell, wenn auch nicht anders erwartet. Unter vielen Tränen und noch mehr Lachen versprach man sich in Kontakt zu bleiben und sich gegenseitig zu besuchen. Es war ein würdiger Abschluss für ein Camp, das die internationale Verständigung und die Überwindung von Grenzen zum Ziel hatte. Die Volontäre konnten zu Recht stolz auf sich sein. Ich selbst reiste nach Hause mit einem Lächeln auf den Lippen, einem wohligen Gefühl im Bauch und mit dem Versprechen, dass ich einige der Volontäre im nächsten Jahr auf dem Kleinen Pal wiedersehen würde.

2010